Tag der Arbeit 2021

SPD-Ratsherr Dieter Beele über seine Zeit als Betriebsratsvorsitzender bei der Iserlohner Brauerei, betriebliche Mitbestimmung und Solidarität unter Beschäftigten

Über ein Jahr Coro­na-Pan­de­mie liegt hin­ter uns. Ein Jahr, in dem ins­be­son­de­re Beschäf­tig­te in den sozia­len Beru­fen wie Pfleger:innen und Ärzt:innen, Erzieher:innen und Lehrer:innen an ihre Belas­tungs­gren­zen gelang­ten. Der Fokus wird mehr als zuvor auf die Arbeits­be­din­gun­gen der Beschäf­tig­ten in Kran­ken­häu­sern, Pfle­ge­hei­men, Kin­der­ta­ge­stät­ten und Schu­len gelegt und es wird deut­lich: Hier muss etwas pas­sie­ren! Die Sozialdemokrat:innen for­dern des­halb zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit: Soli­da­ri­siert euch mit Ange­stell­ten in den sozia­len Berei­chen, lasst uns gemein­sam dafür kämp­fen, dass die Inten­siv-Kran­ken­schwes­ter auf einer Covid-19-Sta­ti­on, der Pfle­ger in einer Senio­ren­ein­rich­tung und die Erzie­he­rin in einem Kin­der­gar­ten ange­mes­sen bezahlt und die Arbeits­be­las­tun­gen durch mehr Per­so­nal und kür­ze­re Wochen­ar­beits­zei­ten redu­ziert werden.

#GEMA1NSAM für mehr Solidarität

Unter dem Mot­to #GEMA1NSAM ruft die SPD zum 1. Mai­fei­er­tag in den Sozia­len Medi­en zu Respekt im Mit­ein­an­der, mehr Tarif­bin­dung sowie Arbeits- und Umwelt­schutz auf. „Die Kri­se zeigt uns, wie sehr wir auf die ange­wie­sen sind, deren Ein­kom­men oft nur knapp zum Leben reicht. Sie ver­die­nen mehr Aner­ken­nung – auch finan­zi­ell“, for­dert unser Kanz­ler­kan­di­dat Olaf Scholz. Wir unter­stüt­zen die For­de­run­gen der Bun­des-SPD und sind über­zeugt: Soli­da­ri­tät (nicht nur) unter Beschäf­tig­ten und die Orga­ni­sa­ti­on von Ange­stell­ten in Gewerk­schaf­ten lohnt sich! Dies zeigt auch ein Bei­spiel aus der jün­ge­ren Iser­loh­ner Geschich­te. Zum Tag der Arbeit haben wir uns mit Die­ter Bee­le, der vie­le Jah­re die Inter­es­sen der Beschäf­tig­ten der Iser­loh­ner Braue­rei ver­trat, unter­hal­ten und ihn nach sei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen im Bereich der betrieb­li­chen Mit­be­stim­mung gefragt.

Iserlohner Pilsener – das liebste Pils der Iserlohner:innen

Dieter Beele
Die­ter Bee­le, ehe­ma­li­ger Betriebs­rats­vor­sit­zen­der der Braue­rei Iserlohn

Die­ter Bee­le ist in Iser­lohn kein Unbe­kann­ter: Der 70-Jäh­ri­ge ist seit fast 25 Jah­ren Rats­mit­glied der SPD-Frak­ti­on im Iser­loh­ner Stadt­rat und arbei­te­te über 38 Jah­re lang bei der Iser­loh­ner Braue­rei, einem ech­ten Sauer­län­der Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men. Gegrün­det 1899 als Braue­rei Iser­lohn AG wur­den bereits 1905 und 1906 über 11.000 Hek­to­li­ter Bier gebraut. Im Jahr 1920 erziel­te man einen Umsatz von fast 1 Mil­lio­nen Mark. Die Erfolgs­ge­schich­te des Iser­loh­ner Pil­se­ner ging wei­ter bis ins 21. Jahr­hun­dert: In den 1960er Jah­ren wur­den erst­mals über 100.000 hl gebraut, in den 1970ern über 300.000 hl, Anfang des 21. Jahr­hun­derts erreich­te man in Spit­zen­zei­ten über 400.000 hl pro Jahr. 

Im Novem­ber 2013 bean­trag­te das Unter­neh­men Insol­venz, der Anfang vom Ende der Iser­loh­ner Braue­rei. Heu­te steht das ehe­ma­li­ge Braue­rei­ge­bäu­de im Grü­ner Tal leer und erin­nert an die guten alten Zei­ten, in denen des Iser­loh­ners liebs­tes Bier noch im Ort gebraut wurde.

Betriebsrat mit Tradition

Bis zu 150 Mitarbeiter:innen beschäf­tig­te die Iser­loh­ner Braue­rei, einer von ihnen war seit 1975 Die­ter Bee­le. Als Mit­glied der NGG (Gewerk­schaft Nah­rung-Genuss-Gast­stät­ten) fand er schon früh den Weg in den Betriebs­rat der Braue­rei, des­sen Vor­sit­zen­der er 1987 wur­de. Ein Jahr spä­ter trat Die­ter Bee­le auch der SPD bei und ist seit 1994 unun­ter­bro­chen im Iser­loh­ner Stadt­rat ver­tre­ten. Er lebt mit sei­ner Frau in der Grü­ne, dem Stadt­teil, der über ein Jahr­hun­dert lang von der Braue­rei geprägt wur­de. Als Vor­sit­zen­der des Betriebs­ra­tes lag Die­ter Bee­le stets das Wohl der Beschäf­tig­ten am Her­zen. Ob im Bereich Arbeits­si­cher­heit oder Tarif­ver­hand­lun­gen, auf Die­ter Bee­le und sei­nen enga­gier­ten Ein­satz war Ver­lass. Auch, als zu Beginn des neu­en Jahr­tau­sends die Ver­kaufs­zah­len ein­bra­chen und vie­le klei­ne­re Braue­rei­en in Deutsch­land plötz­lich von Schlie­ßun­gen bedroht waren.

Schließungspläne treffen die Belegschaft unvorbereitet

Ende 2002, Anfang 2003 wur­de bekannt: Auch die Iser­loh­ner Braue­rei soll geschlos­sen wer­den. Die­ter Bee­le erin­nert sich, wie er von sei­nem Kon­zern­be­triebs­rat infor­miert wur­de, dass eine Auf­sichts­rats­sit­zung für Anfang Janu­ar 2003 geplant sei und auf der Tages­ord­nung stün­de „Schlie­ßung der Braue­rei“. „Da haben wir direkt am 6. Janu­ar eine außer­or­dent­li­che Betriebs­ver­samm­lung ein­be­ru­fen, haben die Beleg­schaft infor­miert und die sind natür­lich aus allen Wol­ken gefal­len“, erzählt der ehe­ma­li­ge Betriebs­rats­vor­sit­zen­de im Gespräch. 

Inner­halb kür­zes­ter Zeit orga­ni­sier­te Die­ter Bee­le mit sei­nen Mitstreiter:innen eine Demons­tra­ti­on vor dem Kon­zern­ge­bäu­de der Brau und Brun­nen AG in Dort­mund. „Da waren bestimmt 300 bis 400 Leu­te vor der Zen­tra­le, nicht nur Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, auch Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger aus Iser­lohn, die sich mit uns Beschäf­tig­ten soli­da­ri­sier­ten.“ Auch der dama­li­ge Bür­ger­meis­ter der Stadt Iser­lohn, Klaus Mül­ler, sowie zahl­rei­che wei­te­re Ver­tre­ter aus Poli­tik, Ver­ei­nen und Unter­neh­men unter­stütz­ten die Aktio­nen des Betriebs­ra­tes der Iser­loh­ner Brauerei.

Regionale Investoren kaufen die Iserlohner Brauerei

„Es ist vor­her nie gelun­gen, eine Braue­rei vor der Schlie­ßung zu ret­ten. Aber durch den Kampf der Beleg­schaft zusam­men mit der Iser­loh­ner Bevöl­ke­rung haben wir unse­rer For­de­rung Nach­druck ver­lie­hen: Ver­kauft uns an einen Inves­tor, am bes­ten an jeman­den aus der Regi­on“, so lau­te­te der Appell. Und das Wun­der geschah, noch 2003 fand sich eine Inves­to­ren­grup­pe um den Iser­loh­ner Gerd Heu­tel­beck, die die Iser­loh­ner Braue­rei kauf­te. Gefei­ert wur­de die Ret­tung des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens und vie­ler Arbeits­plät­ze bei der Kund­ge­bung zum 1. Mai 2013 mit allen Unterstützer:innen auf dem Alten Markt­platz in Iser­lohn, zu einer Zeit, als noch regel­mä­ßi­ge Mai­kund­ge­bun­gen in Iser­lohn stattfanden. 

Als „Motor in der Beleg­schaft“ bezeich­net Die­ter Bee­le sich rück­bli­ckend sel­ber, in all den Mona­ten muss­te er viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten und – wie in den Jah­ren als Betriebs­rats­vor­sit­zen­der auch – das war nur mög­lich mit einer Frau an Die­ter Beeles Sei­te, die dem drei­fa­chen Fami­li­en­va­ter Zuhau­se den Rücken frei hielt. Denn Betriebs­rä­te arbei­ten ehren­amt­lich, vie­le Ter­mi­ne und Gesprä­che fan­den nach Fei­er­abend oder an den Wochen­en­den statt.

Warum mehr Betriebsräte gebildet werden sollten

Man spürt den Kampf­geist noch heu­te in Die­ter Bee­le, der seit 2013 im Ruhe­stand ist und sich wünscht, dass sich wie­der mehr Ange­stell­te in Gewerk­schaf­ten und Betriebs­rä­ten orga­ni­sie­ren. „Betrieb­li­che Mit­be­stim­mung ist heu­te noch genau­so wich­tig wie vor 20 Jah­ren“, so der enga­gier­te Iser­loh­ner. Zwar ist die Bil­dung eines Betriebs­ra­tes kei­ne Pflicht, das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz sieht die Grün­dung eines sol­chen aber vor: In Betrie­ben mit in der Regel min­des­tens fünf stän­di­gen wahl­be­rech­tig­ten Arbeit­neh­mern, von denen drei wähl­bar sind, wer­den Betriebs­rä­te gewählt, heißt es dort. Als ehren­amt­li­che Inter­es­sen­ver­tre­tung für die Belan­ge von Arbeitnehmer:innen agiert der Betriebs­rat als „Betriebs­po­li­zei“, die die Ein­hal­tung von Vor­schrif­ten ins­be­son­de­re zum Schutz von Arbeitnehmer:innen kontrolliert. 

Es gilt ein beson­de­rer Kün­di­gungs­schutz für Mit­glie­der von Betriebs­rä­ten, so dass sie die Rech­te der Arbeitnehmer:innen effek­ti­ver ein­for­dern und durch­set­zen kön­nen, als ein­zel­ne Mitarbeiter:innen, wel­che mit­un­ter arbeits­recht­li­che Kon­se­quen­zen fürch­ten. Vor­tei­le durch einen Betriebs­rat erge­ben sich aber nicht nur für die Beschäf­tig­ten, auch die Unter­neh­men pro­fi­tie­ren von ihnen: Denn dort, wo Arbeitnehmer:innen sich und ihre Bedürf­nis­se ernst genom­men füh­len und mit dem Betriebs­rat einen Ansprech­part­ner auf Augen­hö­he haben, mit dem sie Pro­ble­me und Sor­gen offen bespre­chen kön­nen, erhöht sich nach­weis­lich die Zufrie­den­heit die­ser. In der Fol­ge gibt es weni­ger Arbeit­neh­mer­fluk­tua­ti­on und eine höhe­re Arbeits­leis­tung durch moti­vier­te Mitarbeitende.

Gewerkschaften unterstützen Betriebsräte und Beschäftigte

1. Mai 2003, Iserlohn

Bei der erst­ma­li­gen Grün­dung eines Betriebs­ra­tes und auch in vie­len wei­te­ren Berei­chen, wie bei­spiels­wei­se bei Tarif­ver­hand­lun­gen, wer­den die Beschäf­tig­ten durch die Gewerk­schaf­ten unter­stützt. Im größ­ten Dach­ver­band der Gewerk­schaf­ten in Deutsch­land, dem Deut­schen Gewerk­schafts­bund (DGB), sind ins­ge­samt mehr als 6 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te in den ein­zel­nen Gewerk­schaf­ten orga­ni­siert. Zu den mit­glie­der­stärks­ten zäh­len IG Metall und ver.di mit jeweils mehr als 2 Mil­lio­nen Mit­glie­dern (Stand 2016). Die Gewerk­schaft für Nah­rung-Genuss-Gast­stät­ten (NGG), die Die­ter Bee­le und die Beschäf­tig­ten der Iser­loh­ner Braue­rei unter ande­rem bei der Durch­füh­rung von Warn­streiks inner­halb von Tarif­ver­hand­lun­gen unter­stüt­ze, ist eben­falls im DGB organisiert. 

Eine wei­te­re gro­ße Dach­or­ga­ni­sa­ti­on ist der DBB Beam­ten­bund und Tarif­uni­on. Alle Gewerk­schaf­ten ste­hen für Fra­gen von Beschäf­tig­ten zur Ver­fü­gung und unter­stüt­zen den Auf­bau von Betriebs­rä­ten auch in Ihrem Unter­neh­men. Für mehr Soli­da­ri­tät unter den Ange­stell­ten, bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und fai­re Löh­ne in Iser­lohn – und der gesam­ten Bundesrepublik!