„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

9. November 1938 - 9. November 2018
von Dr. Walter Wehner, SPD Iserlohn 

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ 
schrieb William Faulkner 1956 in seinem Roman: „Requiem für eine Nonne“. 
Ich wurde 1949 geboren. Der Krieg war seit vier Jahren vergangen, aber seine Spuren, die Ruinen, die Bombentrichter, die fehlenden Väter waren auch für uns Kinder sichtbar und spürbar. Direkt neben dem Häuserblock, wo ich bei meinen Großeltern im Ruhrgebiet aufwuchs, befand sich der jüdische Friedhof. Umzäunt, abgesperrt, verschlossen. Was uns Kinder nicht daran hinderte, über den Zaun kletternd, den „geheimen“ Ort zu erkunden. Auf den Grabsteinen lasen wir unverständliche Jahreszahlen und Inschriften: „1943 in Auschwitz vergast“. Die Erwachsenen wollten unsere Fragen nicht beantworten. Sie reagierten mit Verboten, was die Sache nur noch geheimnisvoller machte. 


In den letzten Kriegswochen hatten sich in der zerstörten Leichenhalle des Friedhofes fünf jüdische Zwangsarbeiterinnen versteckt, um der drohenden Deportation zu entgehen. Die Familie Marquardt, die hinter dem Friedhof wohnte, half den Geschwisterpaaren Agnes und Rene Königsberg, Elisabeth und Erna Ruth sowie Rosa Katz mit Lebensmitteln, die Zeit bis zum Kriegsende zu überstehen. Meine Großeltern wussten davon. Sie lebten als letzte Bewohner in einer Waschküche des völlig zerstörten Häuserblocks. Trotzdem wurde mein Großvater noch im Frühjahr 45 zum Blockwart ernannt und „bewachte“ und „kontrollierte“ seine Frau und sich selbst – und dass niemand etwas von den fünf Frauen erfuhr. 


Das Zwangsarbeiterlager mit seinen Holzbaracken befand sich auf einem der großen Fabrikgelände ganz in der Nähe. Meine Großtante Christine warf heimlich Brot und Kartoffeln über den Zaun. Ich bewunderte als Kind den handgeschnitzten Brotteller auf ihrem Küchentisch, den die Zwangsarbeiter ihr zum Dank geschnitzt hatten. Ihre Schwester, meine Großmutter väterlicherseits, schrieb ihr auf offener Postkarte, „wenn sie noch einmal davon erführe, müsse sie das melden“. 


Mein Vater war mit ein paar anderen Jungen des Viertels bei den Edelweißpiraten mitgelaufen und wurde „gemeldet“. Sie stellten ihn vor die Entscheidung - freiwillige Meldung zur SS oder zum Militär. Er überlebte den Krieg als Matrose auf einem Schlachtschiff. Drei Monate nach meiner Geburt verstarb er.
Der Krieg war vorüber und zugleich allgegenwärtig. Den jüdischen Friedhof besuchten hin und wieder Amerikaner in großen Autos, die wir Kinder staunend umstanden. Sie legten keine Blumen oder Gestecke auf die Gräber, wie meine Großeltern es auf “ihrem“ Friedhof taten, sondern kleine Kieselsteine. 


Der Krieg, die Kriegsschäden, die Kriegsgefangenen, die Gefallenen, die Vermissten waren Gesprächsstoff bei den Familienfeiern, in der Eckkneipe, im Häuserblock. Aber nicht die toten Juden hinter dem Friedhofszaun, nicht die nachträglich angebrachten Inschriften auf ihren Grabsteinen.
Meine Mutter behauptete auf meine Fragen, sie hätte von all dem nichts gewusst. Meine Großeltern und meine Großtante jedoch erzählten von jüdischen Metzgern und Textilhändlern, die man „abgeholt“ habe. Sie kannten die Judenhäuser in unserem Viertel, wo sie die „Abgeholten“ unterbrachten. Von wo sie zu Fuß über die Hauptgeschäftsstraße zum Bahnhof getrieben wurden. Von wo sie zur Mittagszeit vom Bahnsteig 1 nach Osten wie Vieh verfrachtet wurden. Von wo sie nicht zurückkamen.
Ich begriff, dass meine Mutter mich belog, aber ich begriff damals nicht warum.

 

Als ich nach Iserlohn verzog, interessierte mich die Geschichte meines neuen Zuhauses. Die beschriebene und die lange verschwiegene. Ich staunte über die Karriere von Willy Muhrmann: 1930 Eintritt in die NSDAP, Mitglied der Reichspressekammer, bereits kurze Zeit später Propagandaleiter und Kreisgeschäftsführer der Partei, Redakteur der nationalsozialistischen „Westfälischen Landeszeitung – Rote Erde“, ab 1933 Leiter der Hauptagentur des Parteiblattes in Iserlohn, ab 1941 Dolmetscher im Gefangenenlager Stalag VI A in Hemer, bis 1945 Chef vom Dienst der Deutschen Zeitung in den besetzten Niederlanden. Nach dem Krieg weiterhin Journalist bei verschiedenen Zeitungen, Eintritt in die FDP, ab 1962 deren Kreisgeschäftsführer. Ich staunte über die Karriere des Iserlohner NS-Oberbürgermeisters Dr. Karl August Wietfeldt, der ab 1938 den Heimatverein und ab 1951 den Kreisheimatbund leitetet. Ich staunte über das Parteimitglied Gustav Pfingsten, der in der NS-Zeit die Iserlohner Stadtbücherei von der „falschen“ Literatur reinigte, weil, wie er 1938 verkündete, „das Buch als Schwert des Geistes nichts anderes sein darf als eine Waffe im Dienste der nationalsozialistischen Weltanschauung“; der 1947 auf das Bibliotheksamt „verzichtete“, aber im Haus der Heimat sich weiterhin amtlich um das Archiv und die Stadtgeschichte als Vorsitzender des Heimatvereins „kümmerte“. 

 

Ich stolperte über Straßenschilder, deren Namensgeber sich zumindest systemkonform verhalten hatten. Ich fand die Gedenktafel zur Erinnerung an die Reichspogromnacht in Iserlohn und erfuhr, dass sie am falschen Ort stand und warum. Ich las von den Diskussionen und der Kritik um das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Poth. Ich hörte von den Schwierigkeiten, eine Gedenktafel für die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation am Krankenhaus Bethanien aufzustellen. Ich las über das Schicksal von „Mariechen“, einer Bewohnerin des Seniorenheims in der Alexanderstraße. Sie war wohl geistig behindert, aber freundlich, kindlich und glücklich mit ihrer Puppe und den Sonnentagen auf den Parkbänken des Heims. Dem NS-Staat galt sie als unwertes Leben. Die verantwortlichen Mediziner in Bethanien müssen dies auch so gesehen haben, denn ohne ihre ärztliche Bestätigung, wäre sie wohl nicht abtransportiert worden. Nach Warstein, wo man „Experimente“ mit ihr vornahm, nach Hadamar, wo sie angeblich am 6. August 1941 an Herzversagen starb. In einem Pressebericht über „Mariechen“ von 1994 heißt es, das Kirchenbuch verzeichne hingegen Ruhr als Todesursache. In Wirklichkeit wurde sie bereits am Tag ihrer Ankunft, am 18. Juli 1941 in den „Duschanlagen“ von Hadamar vergast. Das falsche Todesdatum sollte dies nur verschleiern. In Wirklichkeit hieß sie auch nicht Mariechen. Ich begriff nicht, warum man noch 53 Jahre nach ihrer Ermordung, ihr nicht einmal ihren eigenen Namen gönnte. Wer sollte hier vor was geschützt werden? 


Nach Dr. Hugo Fuchs, leitendem Chefarzt in Bethanien in der NS-Zeit, der nachweislich Zwangssterilisationen durchführte, hat man eine Allee benannt, die direkt am Seniorenheim vorbeiführt, aber dass „Mariechen“ in Wirklichkeit Anna Kirchhoff hieß, wurde verschwiegen. An sie erinnert keine Straße, ihr Name taucht auf keinem Gedenk- oder Stolperstein in Iserlohn auf. 
Solange wir diese Widersprüche ohne Widerspruch akzeptieren, ist das Vergangene tatsächlich nicht tot, es ist nicht vergangen, es ist Gegenwart, und es ist kein „Vogelschiss“.

In der letzten „freien“ Kommunalwahl vom 12. März 1933 in Iserlohn wurde die NSDAP mit 15 Sitzen stärkste Fraktion. Die beiden Abgeordneten der rechten „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“, der Rechtsanwalt Dr. Carl Klute und der Rektor der evangelischen Westschule Fritz Kühn, verhalfen mit ihrem Übertritt zur NSDAP-Fraktion den Nazis zur absolute Mehrheit. Klute denunzierte 1942 - nach übereinstimmenden Berichten Iserlohner Bürger, die im Stadtarchiv Iserlohn zu finden sind - den Iserlohner Notar Dr. Georg Schenkel, weil der sich mit Handschlag von seiner jüdischen Schwägerin Gertrud Helene Stern bei ihrem „Abtransport“ am Dortmunder Bahnhof verabschiedet habe. Die Deportation der rund 1000 jüdischen in Dortmund zusammengeführten Menschen erfolgte ins Ghetto von Zamosc im damaligen Generalgouvernement Polen. Die Ghettobewohner wurden 1942 in eines der Vernichtungslager weiterdeportiert und ermordet, auch Gertrud Helene Stern. Verantwortlich hierfür waren der Leiter der Gestapo in Zamosc Bruno Meiers und der SS-Untersturmführer, Kriminalkommissar Gotthard Schubert. Schubert durfte nach seiner Kriegsgefangenschaft 1955 wieder bei der deutschen Polizei weiterarbeiten.


Nur weil der Buchhändler und als Hilfspolizist eingesetzte Alfred Potthoff die Familie Schenkel rechtzeitig warnte, konnte Georg Schenkel mit seiner jüdischen Ehefrau Anna Sibylla fliehen und der Verhaftung entkommen. Mit Hilfe von Freunden überlebten sie die NS-Zeit.
Die britische Besatzungsmacht setzte Georg Schenkel im Mai 1945 als Oberbürgermeister in Iserlohn ein, später war er Ratsherr. Carl Klute wurde „Heimatfreund“ und Rechtsberater des Sauerländischen Gebirgsvereins und wirkte nach dem Krieg als Anwalt in NS-Prozessen mit. Er machte sich einen Namen als Theaterfreund und Theaterförderer. Ein Drama? Eine Tragödie? Eine Posse? Ein Lehrstück?


Ja, das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.

 

Es geht durch unsere Familiengeschichten, es läuft galgen- und fahnenschwingend durch Dortmund und Dresden, es jagt fremdländisch aussehende Menschen durch Chemnitz, es zündet Flüchtlingsheime an, es ermordet am 9. September 2000 in Nürnberg den Blumenhändler Enver Şimşek, es ermordet am 13. Juni 2001 in Nürnberg den Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru, es ermordet am 27. Juni 2001 in Hamburg den Obst- und Gemüsehändler Süleyman Taşköprü, es ermordet am 29. August 2001 in München den Obst- und Gemüsehändler Habil Kılıç, es ermordet am 25. Februar 2004 in Rostock den Döner-Verkäufer Mehmet Turgut, es ermordet am 9. Juni 2005 in Nürnberg den Inhaber eines Dönerimbisses İsmail Yaşar, es ermordet am 15. Juni 2005 in München den Inhaber eines Schlüsseldienstes Theodoros Boulgarides, es ermordet am 4. April 2006 in Dortmund den Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık, es ermordet am 6. April 2006 in Kassel – in Anwesenheit des Verfassungsschützers Andreas Temme - den Inhaber eines Internetcafés Halit Yozgat. Es ermordet am 25. April 2007 die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter in ihrem Dienstfahrzeug in Heilbronn. 

 

Es steht in unseren Zeitungen. Es steht in den Gerichtsakten. Es steht auf unseren Straßenschildern, auf den Gedenksteinen der Wermingser Straße, in den Totenbüchern von Hadamar, auf den Grabtafeln der jüdischen Friedhöfe – wir müssen nur hinschauen und es lesen.